Access Keys:
Skip to content (Access Key - 0)

Toggle Sidebar

Wanted

Info

OT: 
Wanted

Jahr: Ö 1999
R: Harald Sicheritz
B: Alfred Dorfer
K: Helmut Pirnat
M: Lothar Scherpe, Peter Herrmann
D: Alfred Dorfer, Michael Niavarani, Simon Schwarz, Karl Markovics, Erwin Steinhauer, John Philipp Law

Quelle: DVD (Hoanzl)

 

Inhalt

Unfallchirurg Thomas Reiter (Alfred Dorfer) ist ein echter Spaghettiwestern-Afficinado, eigentlich noch viel mehr als das. Während sich nämlich andere Western-Fans mit dem Filmschauen allein begnügen,  unternimmt er - morriconeeske Soundtracks im Autoradio oder Kopfhörer - ausgedehnte Fantasiereisen in den Wilden Westen. Dort ist er „der Fremde“, ein gefürchteter Revolverheld, der Banken überfällt, bedrängten Maiden zu Hilfe eilt und sich Duelle mit Kopfgeldjägern liefert, dabei immer auf der Flucht vor dem „Verfolger“ (John Phillip Law) und seinen Hilfssheriffs.
Im realen Leben allerdings steht Reiter vor den Trümmern seiner Existenz. Der Stress im Job hat ihn zum Alkoholiker und Zyniker gemacht, und auch seine Freundin, die seine nervigen Ticks nicht länger aushält, verlässt ihn. Am meisten aber trifft Reiter, dass ihm bei einer Notoperation ein zehnjähriges Mädchen unter dem Skalpell weggestorben ist. Wie einfach ist doch dagegen das Leben im Wilden Westen, wo der Fremde immer die Kontrolle hat über Leben und Tod - mittels Druck auf den Abzug, versteht sich. Also weist sich Reiter selbst in eine psychiatrische Anstalt ein, um dort, ungestört von aller Realität, seinen Phantasiereisen frönen zu können.
Das ruft allerdings Reiters Eltern (Bibiana Zeller und Franz Buchrieser) auf den Plan. Sie möchten ihren Sohn so schnell wie möglich aus dem selbstgewählten Exil in der Klapse befreien und wenden sich an Reiters Jugendfreund, den Priester Hermann (Michael Niavarani). Der willigt zwar ein, die verlorene Seele wieder auf den rechten Weg zu führen, hat aber selbst genug Probleme mit renitenten Pfarrbewohnern, desinteressierten Firmlingen und seiner resoluten Haushälterin (Maria Hofstätter). Seine Versuche, Thomas von seinem Westerntrip ins Real Life zurück zu holen scheitern denn auch kläglich. Im Gegenteil, er findet selbst nach und nach Gefallen am imaginären Cowboy-und-Indianer-Spiel. Und so reiten beide bald gemeinsam durch die Prärie, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Eine Entwicklung, die kein gutes Ende nehmen wird...

Zitate

Juanita: „Danke Fremder“ - Der Fremde (Alfred Dorfer): „Woher kennst du meinen Namen?“

Wallner (am Telefon): „Einen schönen Gruß an den Herrn Pfarrer. Und wenn er noch einmal mit meiner Frau über meine Ehe redet, dann fährt in Zukunft sein Zahnbürstel ins Leere!“

Reiter: „Ich habe oft operiert am offenen Gehirn, da waren intelligente Menschen dabei, aber ich habe niemals einen Gedanken gesehen.“

Der Fremde: „Was siehst du? Ein Licht? Einen Tunnel? Beides?“ Sterbender Kopfgeldjäger (Erwin Steinhauer): „Nein. Einen Idioten, der zu viele esoterische Bücher gelesen hat.“

Die Kritik des Aasgeiers:

Anders als der 15 Jahre später erschienene „Das finstere Tal“ ist Wanted nicht wirklich ein Western, sondern gehört dem sehr österreichischen Genre des Kabarettfilms an. Diese Filmgattung bezeichnet eine Komödie oder Tragikomödie - was im oft tiefschwarzen österreichischen Humor eh so ziemlich auf das Selbe hinaus läuft -, die sich humorvoll und kritisch mit politischen und/oder gesellschaftlichen Themen auseinander setzt. Dazu immer mit Kabarettisten in den Hauptrollen (hier etwa Dorfer, Niavarani, Düringer, Steinhauer, Winkens, ...). Neben einer kritischen Auseinandersetzung mit Autoritäten, Rollenklischees, Generationenkonflikten  befasst sich der Film vor allem mit gerade heute sehr aktuellen Themen wie Burnout und Realitätsflucht.
Dass sich Thomas (und später auch Hermann) ausgerechnet in den Wilden Westen träumt, dürfte kein Zufall sein. Der Westen galt schon immer als Ort der Freiheit, wo ein Mann außer einem Pferd, einem Hut und einem Colt nichts weiter braucht, um sein Glück zu finden. In dem es einfache Regeln gibt und klare Grenzen zwischen gut und böse, richtig und falsch. Wo der Held nach der Errettung der Mexikanerin zumindest ein Danke bekommt - während in der Realität die Notoperation nicht nur nicht mit dem Überleben der Patientin belohnt, sondern sogar mit dem Schlussmachen durch die Freundin bestraft wird. In dieser Welt des Undanks und der Ungerechtigkeit möchte Thomas nicht mehr leben - und Hermann später auch nicht mehr.
Überhaupt sind sowohl Thomas als auch Hermann zwei Charaktere, wie sie eigentlich typisch für den Spaghettiwestern sind. Ähnlich wie Django oder der Fremde ohne Namen sind auch sie desillusioniert. Beide sind sie gescheiterte Weltverbesserer, die erkennen müssen, dass ihre hehren Ideale und Ziele im Alltag nicht wirklich umsetzbar sind. Und damit nicht klar kommen.
Absolut genial sind die Westernsequenzen, die mit leichtem Sepiatouch einen Hauch der guten alten Kinowestern liefern. Die Drehorte sind sorgfältig gewählt, die Sets mit viel Liebe zum Detail ausgestattet: So hätte man auch einen echten Western drehen können. Wobei man anmerken muss, dass die Westernszenen doch sehr stereotyp sind. Da wird kaum ein Klischee ausgelassen: Bankraub, Duell, Lagerfeuer, Marterpfahl; die über den Tresen geschobene Whiskeyflasche,  der Totengräber mit dem Messstab, der Ritt in den Sonnenuntergang. Aber genau das lieben wir ja am Western, nicht? (wink) Auch in der Kameraführung: Totalen, die sich mit Zooms auf die Augenpartie oder Detailshots auf die Griffe der Colts abwechseln. Eine wahre Freude für den Spaghettifan. Wie bei den guten alten Sergios. Dazu geben diese Szenen natürlich auch Anlass zur Parodie und zum Abdriften ins Absurde, wenn etwa der Bankbeamte in einer typischen Westernbank einer Lady einen Bausparvertrag andrehen will oder der Fremde sich im Saloon mit dem Barkeeper über die Unendlichkeit des Universums unterhält. Und mit John Philipp Law holte man sich einen italowesternerprobten Schauspieler (siehe „Die Rechnung wird mit Blei bezahlt“). Allerdings hätte man ihm durchaus mehr Screentime einräumen können.
Besonders hervorgehoben sind die Szenen in der Psychoklinik. Hier wird ein Mikrokosmos aus Patienten und Pflegepersonal präsentiert, in dem die Kranken oft normaler erscheinen als die Ärzte und überhaupt Thomas Reiter und sein von „Brenner“-Sidekick Simon Schwarz verkörperter Pfleger die einzigen halbwegs normalen Personen sein dürften. Das gibt Gelegenheit, einige philosophische Fragestellungen zum Thema Sein und Schein aufzuwerfen, wenn sich etwa ein Patient als Portier aufspielt oder sich eine Patientin als Aromatherapeutin ausgibt. Und Thomas und Hermann im Anschluss darüber diskutieren, ob man nun Arzt oder Priester ist, weil man es eben ist, oder nur weil man von anderen Menschen als solcher wahrgenommen wird. Was ja auch die Realität zu nichts anderem als einem imaginären Spiel ähnlich der Westernfantasien machen würde.
Kongenial auch, wie Bibiana Zeller und Franz Buchrieser (Ex-Ehepaar „Kottan“) Reiters Eltern geben. Da ist zum einen der Vater, ein kalter, zynischer, herablassender Gebrauchtwagenhändler, ein echtes Arschloch, wenn man so will. Er lässt seinen Sohn immer noch die Enttäuschung spüren, dass dieser das Familiengeschäft nicht übernommen hat. Die Mutter ist zwar stolz auf ihren Sohn, der es zum Arzt gebracht hat, allerdings nur, solange er funktioniert hat. Nun macht sie sich Sorgen, weniger um den Gesundheitszustand ihres Nachkommen, als vielmehr darüber, wie sie und die Familie denn dasteht, mit einem „Irren“ als Sohn. 
Positiv auch die Musik, die die Kontraste zwischen Realität und Fiktion unterstreicht. Hektik, Unübersichtlichkeit und Stress im Real-Life wird vor allem von harten Hip-Hop-Beats begleitet. Besonders gelungen ist aber Soundtrack während der Westernsequenzen. Das ist purer Italo-Sound - Morricone-Style, so als würde er aus der Glanzzeit des Spaghettiwesterns stammen. Gitarre, Slide-Guitar, Mundharmonika, Frauengesang; die Komponisten haben dabei hörbar gute Arbeit geleistet! 

Rating: $$$$

Bodycount:

3 Gringos (allerdings nur in Reiters Phantasie)

Explizite Brutalitäten:

  • Wer in der Klinik nicht pariert, wird mittels Medikamenten und Spritzen ruhig gestellt.
  • Hermann wird niedergeschlagen und im Kofferraum zu einem „Meeting“ gebracht.
  • Der Stimmungsprogramm beim Anstaltsfest (wink)

Liebe:

Hermann begehrt sowohl die „Aromatherapeutin“ (Eva Billisch) als auch seine Haushälterin; aus Zölibatsgründen können seine amourösen Bedürfnisse aber nur in der Westernphantasie gestillt werden. 
Daher 0/10

Splatter:

1/10

Besonderheiten:

Personen, die Thomas und Hermann in der realen Welt unterkommen, haben auch ihr Pendant in der Western-Welt. Wer in der Realität nervt, dem geht's in der Phantasie an den Kragen.

 

 

Bitte beachten Sie unsere Datenschutzrichtlinien