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Info

OT: 
Jede Menge Kohle

Jahr: D 1981
R: Adolf Winkelmann
B: Adolf Winkelmann, Gerd Weiss
K: David Slama
M: Bernd Adamkevitz
D: Detlev "Delle" Quandt, Uli Heucke, Martin Lüttge, Tana Schanzara, Hermann Lause

Quelle: Alive (DVD)

 

Inhalt

Ende der 70er, hunderte Meter unterhalb Dortmunds: Der Kohlekumpel Katlewski (Detlev Quandt) wird halb verdurstet von Kollegen im Schacht aufgefunden und gerettet; zig Kilometer vom eigenen Pütt entfernt, denn Katlewski kommt aus Recklinghausen. Kaum wieder das Tageslicht erblickend, begibt sich Katlewski allerdings nicht in ärztliche Obhut, sondern verpieselt sich wortkarg in die nächste Hochhaussiedlung, auf der Suche nach 'nem Pils, 'nem kalten Schnitzel, 'ner Dusche und einer Übernachtungsmöglichkeit. Letztere findet er im Zimmer von Uli (Uli Heucke), die ihn aufnimmt, als er in einem Wohnblock von Tür zu Tür um Einlass bittet.
Uli wohnt zur Untermiete bei den Gruetens (Hermann Lause, Tana Schanzara); piefig bis zum Geht-nicht-mehr, aber viel zu überrumpelt, um dagegen zu sein, dass Uli den "neuen Freund" beherbergt. Zwischen Katlewski und Uli entsteht auch wirklich ein Kröschen, und er kommt endlich mit seiner Motivation für seine doch recht skurrilen Aktionen heraus: Er hat die Schnauze voll von der "Mein Auto, mein Haus, meine Frau"-Mühle und will aussteigen. Dafür braucht er Kohle, um seine Kredite zu tilgen. Auf der Suche nach einem schnellen Job heuert er erst mal bei einer Wäscherei-Firma als LKW-Fahrer an, doch viel Zaster spült die dröge Arbeit nicht gerade in die Kasse, und sein Arbeitskollege Lewandowski (Martin Lüttge) nervt mit der Zeit gewaltig ab. Katlewski zieht also gezwungenermaßen nochmals ein paar Schräubchen an, um endlich an die benötigten Penunzen zu kommen...

Zitate

"Leute! Das Auto ist besser als ich dachte." - "Ja wie?" - "Ja, es rostet nicht." - "Woher willst du denn das so genau wissen?" - "Wenn du den Lack ab hast, siehste doch ob Rost drunter ist. Ich bin ja nicht blind." (Herr Grueten geht grundsätzlich den Dingen auf den Grund)

"Der macht nämlich in Leasing. Das kann sogar er gut." (Tochter Grueten ist mächtig stolz auf ihren Männe)

"Es kommt der Tag, da will die Säge sägen." (Der Tag kommt, und sie wird sägen...)

"Ja du bist gut. Du weißt überhaupt nichts. Du weißt nicht, wo ich herkomm', du weißt nicht, warum du mich rein gelassen hast." - "Ich dachte mir, da steht einer, der ist extra aus Recklinghausen gekommen, unten, durch die Erde... ja lass ich den doch rein!" (So einfach findet man neue Bekanntschaften)

"Satt kenn ich nicht. Entweder ich hab Hunger oder mir ist schlecht." (Der Tortenverschlinger mag Buttercreme nur in der Vollfettstufe)

"Mach fertig!" (Ultima Ratio auf Ruhrpott)

Die Kritik des Sargnagels:

Adolf Winkelmann setzte mit seiner Ruhrpott-Trilogie (neben "...Kohle" noch "Die Abfahrer" und "Nordkurve") dem "Revier" im Westen Deutschlands während des schleichenden Niedergangs der Kohlezechen und Stahlwerke ein filmisches Denkmal. War "Die Abstauber" noch extrem Low Budget, wurde "Jede Menge Kohle" schon etwas ordentlicher durch den WDR gefördert. Gedreht wurde grundsätzlich an Originalschauplätzen in Dortmund; selbst die Szenen im Flöz wurden nicht im Studio abgekurbelt, sondern 1000 Meter unter der Erde. Weil man das Experiment der Dolby Stereo-Tonaufzeichnung anging, eine noch größer zu schätzende Leistung, da das analoge Equipment eine Menge Platz brauchte und jedes Set für den Ton langwierig ausgesteuert werden musste. Dolby Stereo war übrigens 1981 brandneu; zum damaligen Zeitpunkt wurden erst die beiden Hollywood-Blockbuster "Star Wars" und "Unheimliche Begegnung der dritten Art" in Dolby Stereo umgesetzt; statt wie bei "Kohle" im Originalton allerdings nur mit Studioton.Der technische Firlefanz fällt allerdings kaum ins Gewicht bei der Beurteilung des Streifens, der hätte auch in klassischem Mono bestens funktioniert (bis auf eine Szene, s.u.). Hauptgaranten sind eindeutig die Story und die Darsteller. Geschichten über Aussteiger gab es seit den wilden 60ern schon einige auf der Kinoleinwand, doch seltenst waren die Beweggründe so nachvollziehbar und die Charaktere so verständlich. Detlev "Delle" Quandts Katlewski ist zwar fiktional, aber keine Fantasiefigur, sondern mitten aus dem Leben, wie übrigens alle Charaktere. Beim Großteil des Casts handelt es sich um Laiendarsteller aus dem Ruhrgebiet, die bis auf Winkelmann-Produktionen vorher und nachher nichts aufzuweisen haben. Daraus gewinnt der Streifen eine unglaubliche Credibility, da alle agieren wie im normalen Leben. Die Dialoge, gespickt mit typisch regionalem derben Humor und Schlagfertigkeit, kommen nicht gekünstelt, sondern hätten so auch spontan auf der Straße stattfinden können. Auch den professionellen Schauspielern, namentlich Hermann Lause, Martin Lüttge und vor allem die Pütt-Perle Tana Schanzara, kann man ungestraft eine 1 mit Sternchen vergeben. Für die beiden Hauptprotagonisten Detlev Quandt und Uli Heucke blieb es die letzte Arbeit im Film-Biz; Gerüchten zufolge soll Quandt nach den Dreharbeiten selbst ausgestiegen sein.
Handwerklich schafften es Winkelmann und Crew, die durch die Technik aufkommenden Probleme an den Originalschauplätzen - massig Equipment bei begrenztem Platz und suboptimalen Verhältnissen - teilweise sogar in Stärken zu wandeln. Die Kameraarbeit ist ziemlich statisch, die Szenen spielen sich meistens in einer Einstellung ab, es gibt kaum Schwenks und Gegenschnitte. Dafür wurde allerhöchster Wert auf die Bildkomposition gelegt; die Szene mit dem brennenden Mülleimer und dem Hochofenabstich im Hintergrund sei hier exemplarisch erwähnt. Kameramann David Slama erhielt für seine Arbeit verdientermaßen den Bundesfilmpreis in Gold. Den Score lieferte Bernd Adamkewitz; teils rockiger, teils unaufdringlicher, lakonischer Instrumental-Country-Blues mit Auflügen in Big Band-Gefilde.
Soundtechnischer Höhepunkt ist allerdings das Abspielen einer Beispiel-Schallplatte für Stereoton (?! ;-) ). Wenn Richard Wagner nach fürzelndem Geknister auf glasklar und hochvoluminös umschwenkt, dann presst's einen regelrecht in die Bestuhlung.
Die Bezeichnung Heimatfilm trifft auf "Jede Menge Kohle" im allerbesten Sinne zu, auch wenn hier alles andere als abgeschmackte Klischees wie Enzian, Almrausch und Gejodel bedient werden. Der abgegrabbelte Begriff Kult ist ebenfalls völlig zu Recht verwendbar. Ein elementares Stück deutscher Filmgeschichte, das zeigt, dass deutscher Autorenfilm nicht nur Geschnarche à la Wenders und Schlöndorff hervorgebracht hat.

Rating: $$$$$

Splatter:

0/10 (Dem Recklinghausen Chainsaw Massacre fällt nur Gelsenkirchener Barock zum Opfer)

 

 

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