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Leichenverbrenner, Der

Info

OT: 
Spalovac mrtvol

Jahr: CSSR 1968
R:
Juraj Herz
B:
Ladislav Fuks
K:
Stanislav Milota
M:
Zdenék Liška
D:
Rudolf Hrušinský, Vlasta Chramostová, Ilja Prachar, Eduard Kohout

Quelle: DVD (Bildstörung). Dank fürs Rezi-Exemplar!

 

Inhalt

Prag, Ende der Dreißiger Jahre. Wenn auf irgendjemanden der Begriff Biedermann zutrifft, dann auf Karl Kopferkringl (Rudolf Hrušinský). Kopferkringl liebt seine Familie – Ehegespons Lakmé (Vlasta Chramostová) sowie Sohn Mili (Milos Vognic) und Tochter Sina (Jana Stehnová) – und seinen Job als Chefverbrenner in einem Krematorium. Außerdem hat der joviale Schöngeist ein Faible für tibetische Religion und Kultur, was wiederum hervorragend korrespondiert mit seinem Job: Denn der Tibeter sieht den Körper nach Ableben als Hemmschuh bei der Himmelsauffahrt an. Die 75-minütige Passage durch das Krematorium ist somit ein Highspeed-Akt der Seelen-Befreiung.
Das oberflächlich heile Familienkorsett hat jedoch Risse: Einmal monatlich sucht der gute Karl nämlich heimlich Sofias Etablissement auf, um Entspannung bei Fräulein Dagmar zu suchen. Im Gegenzug lässt er sein Blut regelmäßig vom alten Dr. Bettelheim (Eduard Kohout) untersuchen, da er sich ja im "Krematorium angesteckt“ haben könnte.
Dank seinem Kriegskumpel Reinke (Ilja Prachar) kommt er außerdem in Kontakt mit der auch in der Tschechoslowakei populärer werdenden Nazi-Ideologie. Kopferkringl lässt hier alle anfängliche Zurückhaltung fallen, als klar wird, dass bei den Nazis nicht nur blonde Frauen en masse warten, sondern auch ein Karriereschub sondergleichen möglich erscheint. Als Prag durch die Deutschen besetzt wird, legt er richtig los, um sich freie Bahn zu schaffen: Wer sich nicht wegdenunzieren lässt, der findet sich zwangsläufig in Karls Krematorium ein, um seine Seele befreien zu lassen.

Zitate:

Karl: „Wissen Sie, der vorzeitige Tod kann ein großer Segen sein, wenn er Sie vom Leid befreit.“ (beim Krematoriumsrundgang mit seinem neuen Angestellten Dvorak (Jirji Menzel))

Die Kritik des Gunslingers:

In den ersten Minuten schafft es der Streifen, uns den gesamten Mikrokosmos Kopferkringls nahezubringen: Während er aus dem Off erzählt, sprechen bereits hier die schnell geschnittenen Bilder eine andere Sprache als die des postulierten Idylls. Was als allererstes auffällt: Karl redet über die gesamte Filmlänge in einer Tour, deckt die zum Teil schrecklichen Bilder mit seiner ruhigen, sanften Stimme zu, die fast nie verstummt.
In kleinen Einstellungen wird die Wort-Bild-Schere besonders deutlich: Mit freundlichen Worten beispielsweise nimmt Kopferkringl bei einer Werbeveranstaltung für sein Krematorium, bei der Rauchverbot herrscht, Uneinsichtigen höflich, geradezu sanft die Zigarre aus dem Mund, um sie geradezu brutal im Aschenbecher zu zerquetschen. Wes Geistes Kind der Protagonist ist, wird in einer der zentralen Szenen klar: Karl und Familie besuchen eine Kirmes. Während alle sich amüsieren, ist Vattern mürrisch und schlecht gelaunt. Erst in einem bizarren Wachsfigurenkabinett, in dem Morde und andere Verbrechen dargestellt sind, lebt er auf, um sich anschließend in einer kleinen „Spezial-Ausstellung“ an toten Föten und entstellten, konservierten Leichenteilen zu ergötzen.
Der Film ist durchzogen von surrealen Elementen, die am Ende, als sein Protagonist zunehmend in den Wahnsinn abgleitet, dominieren. Der Streifen ist herausragend fotografiert und arbeitet mit raffinierten szenischen Übergängen, die Regisseur Herz Hitchcock abgeschaut haben könnte.
Ein ganz klares Highlight ist Hauptdarsteller Rudolf Hrušinský, der den Film fast im Alleingang bestreitet. Er präsentiert eine glaubwürdige und schaurige Charakterstudie eines harmlosen, freundlichen Bürgers, der sich in erster Linie aus Berechnung und wider besseres Wissen mit einem totalitären System und seinen abstrusen Ideologie arrangiert. Dabei streift er allerdings nie seine joviale Oberfläche ab. Auch seine unangenehmen Manierismen lassen tief blicken: So nutzt er etwa seinen Brusttaschen-Kamm immer wieder, um die Leichen zu frisieren, aber direkt anschließend auch sich selbst und seine Kinder zu kämmen. Seine Gesprächspartner pflegt er „freundschaftlich“ zu betatschen, ist dabei aber ziemlich klebrig. Und immer wieder fällt der Blick der Kamera auf das im Krematorium achtlos herumliegend kurze Stahlrohr … Ein böser Schweijk sozusagen.
Um den sich langsam aufbauenden Horror zu entschärfen, tauchen als Running Gag immer wieder Vladimír Mensik – hierzulande wohl eines der bekanntesten Gesichter im tschechisch-slowakischen Film – und Mila Myslíková auf: Sie spielen ein sich dauerstreitendes Ehepaar.

Rating: $$$$$

Splatter:

1/10

 

 

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