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Wheels

Info

OT: 
Točkovi
Jahr:
SRB 1998
R: Djordje Milosavljevic
B: Djordje Milosavljevic
K: Dusan Ivanovic
M: Félix Lajkó
D: Dragan Micanovic, Anica Dobra, Ljubisa Samardzic, Nikola Kojo, Bogdan Diklic, Neda Arneric, Svetozar Cvetkovic

Quelle: VHS (I-ON New Media)

 

Inhalt

Serbien, Ende der 90er: Student Nemanja (Dragan Micanovic) und seine Freundin "Kätzchen" sitzen mal wieder finanziell auf dem Trockenen. Nemanja juckelt deswegen in seinem uralten Opel Rekord von Belgrad in die heimische Provinz, um sich von Vattern ein paar Scheine zu pumpen, gerät dabei aber in ein ausgemachtes Unwetter. Von einem Anhalter erfährt er, dass ein paar Kilometer weiter die Straße überschwemmt ist, glücklicherweise hätte aber kurz davor noch das Motel "Wheels" seine Pforten offen. Nemanja ist zuerst unentschlossen; nach einer Reifenpanne und einer recht ruppigen Polizeikontrolle entschliesst er sich aber dann doch, im "Wheels" einzukehren. Als er aus dem Rekord seine Siebensachen krämert, entdeckt er unter dem Rücksitz eine Knarre. Der Verdutzte vermutet, dass wohl einer der Cops die Waffe beim Filzen der Karre verloren hat und steckt die Wumme ein. In der Wirtstube des Motels erwartet ihn neben dem schlitzohrigen Hotelwirt (Ljubisa Samardzic) ein buntes Häuflein ebenfalls Gestrandeter: das spießige Ehepaar Coric (Bogdan Diklic, Neda Arneric), der verdrogte Businessman Milan (Svetozar Cvetkovic), der großmäulige Korenko (Nikola Kojo) und die zwielichtige Zana (Anica Dobra). Nemanja hat wenig Bock auf Unterhaltung und haut sich eine Runde auf's Ohr. Kurz darauf wird er von den anderen Gästen überwältigt und bezichtigt, der "lachende Mörder" zu sein, ein Serienkiller, der seit Monaten die Gegend unsicher macht. Und in der Abwesenheit von Recht und Ordnung wollen sie nun zur Selbstjustiz schreiten...

Zitate

Nemanja: "Gut, dann geben sie mir..." - 'Chef', der Hotelwirt: "... einen Kurzen." - "Na gut." - "'Nen Doppelten?" - "'Nen Doppelten." - "Gut, dann hol' ich die Flasche." (der "Chef" ist ein Umsatzgenie)

Herr Coric: "Nun hört doch auf! Euer Vorhaben ist ganz klar gegen das Gesetz!" - Frau Coric: "Das blöde Gesetz! Warum gönnst du uns nicht mal ein Vergnügen?" (nicht mal beim Lynchen hat man Spaß)

Korenko: "Er hat es doch gerade gesagt und zwar direkt nachdem er das Tuch ausgespuckt hat. Da hat der Kerl doch noch beteuert, dass er kein Mörder ist. Jemand, der sowas sagt, hat doch kein reines Gewissen. Und dass er uns nicht witzig findet, ist auch eine Lüge." (das königlich-serbische Amtsgericht tagt)

Herr Coric: "Immer treu und oft sehr redselig. Meistens auch giftig und bösartig. Jetzt ist sie still und schön." - Chef: "Ein schöner Satz. Woher?" - "Griechisches Sprichwort aus dem 3. Reich, Absatz E." (mit ganz speziellen Literaturkenntnissen schafft man Eindruck)

Die Kritik des Sargnagels:

1998 war der Balkankrieg gerade mal drei Jahre vorbei und Serbien steckte schon wieder in einem Konflikt im Kosovo. Die kommunistische Diktatur, der Zusammenbruch Jugoslawiens und der anschließende Krieg schlugen tiefe Narben und zogen einen Verlust von Moral und Ethik in der serbischen Gesellschaft nach sich.
Vor diesem Hintergrund inszenierte Djordje Milosavljevic seine bitterböse Thrillerkomödie. Bei jedem Protagonisten lässt er langsam, aber genüsslich die Maske des biederen Bürgers fallen, die allesamt - bis auf Nemanja - eine ganze Menge Dreck am Stecken und sich damit abgefunden haben. Die Grundessenz lautet: niemand ist unschuldig, er wird's zwangsläufig in Zeiten, in denen Recht und Gesetz außer Kraft stehen.
Milosavljevic schickt Nemanja auf einen  schier ausweglosen Alptraum, der Unglücksrabe nimmt durchweg alles mit. Dass er sich am Ende der Horrornacht als Last Man Standing den letzten Kurzen kippt, dürfte sicher nicht gespoilert sein. Allzu schnell wird klar, dass der Rest der Anwesenden unweigerlich Opfer von Nemanjas unglaublicher Pechsträhne wird. OK, ein bissle Notwehr ist auch dabei. Und Paranoia... Seine Kontrahenten sind Waffenhändler, Medikamentenschieber, Profikiller und Drogendealer, denen ein Menschenleben völlig scheissegal ist. Die Furcht vor dem "lachenden Mörder" ist nur vorgeschoben, ihnen geht es vor allem darum, ihre dunklen Geschäfte ohne Aufsehen abzuwickeln (deswegen auch das gottverlassene Motel). Untereinander beißen sich die Krähen keine Augen aus, Nemanja stellt aber als unschuldiger Außenstehender eine Bedrohung dar.
Die Darsteller sind bis auf Anica Dobra, die sich schon Anfang der 90er in Deutschland einen guten Leumund verdiente, hierzulande unbekannt. Nur für Hauptakteur Dragan Micanovic gab es dank "Wheels" einen internationalen Push, er landete später u.a. in den Brit-Produktionen "Layer Cake" und "RocknRolla". Ironischerweise meist als Mobster der Serben-Mafia. Ansonsten ist der restliche Cast mit altgedienten Rampensäuen der serbischen Film- und TV-Szene besetzt, die durchweg ihre Sache ordentlich bis fein machen. Hier gefällt vor allem Ljubisa Samardzic, einer der bekanntesten Schauspieler des alten Jugoslawien. Sein Hotelwirt "Chef" strahlt vordergründig Empathie und Humor aus, dabei ist er auf hinterfotzige Art doch der Konsequenteste, wenn's darum geht, Nemanja aus der Welt zu schaffen.
Der Streifen ist richtig toll fotografiert. Kameramann Dusan Ivanovic bedient sich etlicher Schwenks, Zooms und anderer visueller Spezereien, ohne die Bildsprache zerfahren wirken zu lassen. Im Gegenteil, selbst die dialoglastigen, kammerspielartigen Szenen in der Wirtsstube (die einen großen Teil der Story ausmachen) bleiben damit dynamisch. Musikalische Untermalung gibt es so gut wie gar nicht; nur in seltenen reinen Handlungssequenzen ohne Dialog sowie beim Intro/Outro erklingt jazzige, hektische Balkanfolklore.
Insgesamt 90 Minuten richtig geiles Kino, bei dem Regie, Crew und Ensemble alles in die Waagschale geworfen haben. Da gibt man gerne aus dem Vollen:

Rating: $$$$+

Splatter:

4/10

 

 

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