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Explosion des Schweigens

Info

OT: 
Blast of Silence

Jahr: USA 1961
R: Allen Baron
B: Allen Baron
K: Merril S. Brody
M: Meyer Kupferman, Dean Sheldon
D: Allen Baron, Molly McCarthy, Larry Tucker, Peter Clume

Quelle: TV-Ausstrahlung (3Sat)

 

Inhalt

Der Killer Frank Bono (Allen Baron) wird kurz vor Weihnachten aus Cleveland in seine Geburtsstadt New York zitiert. Sein Auftrag: Er soll Troiano (Peter Clume), den Stellvertreter eines Mafia-Paten, aus dem Weg räumen. Troiano hat in letzter Zeit zu oft in die eigene Tasche gewirtschaftet und verfolgt nicht gerade die vorgegebenen Pläne der ehrenwerten Gesellschaft. Der Hitman beschattet den Renegaten akribisch und professionell, versucht "wunde Punkte" im Tagesablauf des Mafioso zu finden, da Troiano unaufhörlich von Bodyguards bewacht wird.
Bono ist höchst ungern in New York, die alten Erinnerungen nerven ihn. Sein Waffenlieferant Big Ralph (Larry Tucker) versucht ihn beim Kauf eines schallgedämpften Revolvers abzulinken; zu allem Überfluss trifft Bono auch noch Peter, einem Freund aus der Kindheit im Waisenhaus. Dieser ist inzwischen mit Lorrie (Molly McCarthy) liiert, Bonos heimlicher Flamme aus Jugendtagen, und hat sich eine gutbürgerliche Existenz geschaffen.
All diese Zwischenfälle machen Bono unsicher, und er begeht kleine Fehler. Ralph findet zufällig heraus, wer auf Bonos Liste steht und erpresst daraufhin den Killer. Großer Fehler für Beide: Ralph wird um die Ecke gebracht, aber Bono hat einen überflüssigen Mord am Hacken, der nicht unbemerkt bleibt...

Zitate

Bono aus dem Off:

"Du bist allein, ein Einzelgänger. Das ist sozusagen dein Firmenschild. Du brauchst nichts und niemanden."

"Das Leben spielt sich für dich hinter einer Milchglasscheibe ab: schemenhafte Figuren und sonst nichts."

"Erinnere dich an frühere Weihnachten. Was hast du dir gewünscht damals? Kein Spielzeug. Etwas größeres, wichtigeres, etwas ganz besonderes. Jetzt ist es in Erfüllung gegangen: Jetzt bist du wirklich allein. Alles vollendet sich. Dein Schrei ist verstummt und - wie wunderbar - auch keine Schmerzen mehr. Du gehst wieder zurück ins Dunkle, aus dem du gekommen bist."

Die Kritik des Sargnagels:

Lange verschollener US-Noir-Klassiker, der aufgrund fehlender großer Namen, einem Regisseur ohne Lobby und damals deftig expliziten Härten gleich nach dem Kinostart in Hinterhofkinos verschwand und über 30 Jahre auf seine "Wiederauferstehung" warten musste, bis in den 90ern mal jemand erkannte, dass der Streifen den französischen Pendants in nichts nachsteht und diese teilweise sogar übertrifft.
Es blieb daraufhin Allen Barons einziges ambitioniertes Werk, danach drehte er Serienmassenware fürs TV. Richtig schade, der Mann hatte mehr drauf, denn "Blast of Silence" offeriert für einen US-Streifen unheimlichen Tiefgang, garniert mit kühlen, kunstvollen Kameraeinstellungen in S/W und gesegnet mit einer straffen Handlung - atmosphärisch dicht wie ein Granitblock.
Die Handlung wird von einem VoiceOver überlagert (im Original vom damals in Hollywood geächteten Lionel Stander gesprochen), das dem Zuschauer markant die schwarzen Gedanken Frank Bonos mitteilt und den Kontrast zum Gesehenen darstellt.
Insgesamt ein echtes Schmeckleckerchen für Freunde des "schwarzen" Kriminalfilms; wäre der Streifen damals in Frankreich produziert worden, hätte er sicherlich seinen verdienten Platz in der Filmhistorie gefunden. Trotzdem: auf einer Stufe mit "Fahrstuhl zum Schafott" und dem "Eiskalten Engel". Und die Einflüsse spürte man mehr als ein Jahrzehnt später in Scorseses "Taxi Driver".

Die Kritik des Gunslingers:

Warum dieses eiskalte Spätmeisterwerk des Film noir für mehre Jahrzehnte nahezu ungesehen in den Archiven verschwand ist mir nie klar geworden. Doch zumindest Jean-Pierre Melville, der französische Meister des schockgefrosteten Großstadt-Thrillers, könnte eine Prise „Blast“ genossen haben, denn die Verwandtschaft zu seinem „Samourai“ ist offensichtlich.
Der Film startet mit einer langen Schwarzblende, während der ein Voice over (im Deutschen: Arnold Marquis) auf den Protagonisten vorbereitet, Frank „Frankie“ Bono, der Hitman aus Cleveland. Ein heller Kreis erscheint und entpuppt sich als Ausgang eines Eisenbahntunnels; Frankie entsteigt in der Central Station, New York, dem Zug. Gar nicht mal das Böse, eher das Schicksal, in die Welt geworfen. Diese erste Szene erinnert im Ensemble nicht von ungefähr an einen Geburtsvorgang, der sich wahrscheinlich für Frankie vor jedem Job erneut wiederholt, bevor er nach Vollzug wieder im Dunkeln verschwindet.

Denn jetzt und immer wieder heißt es, die bis auf ein Foto noch unbekannte Zielperson auszukundschaften, das Bild rundzumachen, die Vorgehensweise festzulegen. Das Wichtigste aber ist es, Hass aufs Opfer aufzubauen, denn Frankie ist alles andere als ein cooler Killer. Das geschäftsmäßige Töten ist eigentlich nicht Seins, und so kann er nicht abdrücken, ohne vorher ein menschliches Gefühl – Hass – zu seinem Opfer aufzubauen. Er ist ein innerlich gepanzerter, menschenscheuer, entfremdeter Einzelgänger. Zwar überdrüssig seiner einsamen Existenz, sind ihm Kontakte zu seinen Mitmenschen auf der anderen Seite ein Gräuel, seien es „geschäftliche“ oder private: Sie alle sorgen bei Frank für feuchte Hände. Doch das für ihn später katastrophal verlaufende Wiedersehen mit Lori scheint ihm zuerst eine Chance zu bieten, sich neu zu orientieren, dass er sich in Aussteigerfantasien ergeht, seine Sehnsucht nach Zwischenmenschlichem ungefiltert hervorbrechen lässt.
Der exzessiv eingesetzte, lakonische VoiceOver lässt neben der extrem dialogarmen Außenhandlung einen ergänzenden Gehirnfilm entstehen: kurze Fetzen aus Frankies Vergangenheit im Waisenhaus, Gedankensplitter. Die Perspektive des Erzählers nimmt dabei die Position von Frankies innerer Stimme ein, kommentiert Ereignisse, beschreibt Befindlichkeiten. Nicht umsonst ist die Stimme nicht identisch mit der Realstimme Bonos. Manchmal sind die Bilder symbolisch aufgeladen, wie die Rattenkäfige beim schmierigen Waffenhändler Ralph, die sich gefühlt bis unter die Decke seines abgerockten Zimmers stapeln; mal beobachtet die Kamera Frank fast schon dokumentarisch auf seinen Wegen durchs vorweihnachtliche New York. Dann wiederum gibt es Innenszenen mit starken Kontrasten, charakteristisch für die Low-Key-Ausleuchtung klassischer Noirs.
Der Score stammt aus der Feder des bekannten Jazz-Klarinettisten und Komponisten Meyer Kupferman. Hier rührt er Stompf-Trompete und –Posaune an, ergänzt um Piano, Vibraphon und Flöte. Ein klassischer, zumeist schmal instrumentierter Jazz-Score, der sich bei den dramatischen Höhepunkten ins Orchestrale steigert.

Rating: $$$$+ (SN) / $$$$$ (GS)

 

 

 

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