Access Keys:
Skip to content (Access Key - 0)

Toggle Sidebar

Info

OT: 
Kurzer Prozess

Jahr:
D/Ö 1967
R: Michael Kehlmann
B: Michael Kehlmann, Carl Merz, Jeffrey Ashford
K: Karl Schröder
M: Rolf Alexander Wilhelm
D: Helmut Qualtinger, Kurt Sowinetz, Willy Harlander, Gudrun Thielemann, Fritz Eckhardt

Quelle: DVD (Hoanzl)

 

Inhalt

Das Vertrauen in die österreichische Exekutive ist zutiefst erschüttert, seit Wachtmeister Janisch (Willy Harlander) eines brutalen Postraubes, noch dazu in Uniform, überführt wurde. Die Beweislast ist erdrückend, sein Alibi mehr als fragwürdig. So bringen ihn die Ermittlungen von Kommissar Pokorny (Helmut Qualtinger), obwohl dieser ein persönlicher Freund und Kartenpartner des Verdächtigen ist, rasch hinter Gitter.
Pokorny geht denn auch gleich wieder zur Tagesordnung über, denn der Gendarmarieposten im beschaulichen Provinzkaff Mühlstadt, in das der unangepasste, dem Alkohol nicht ganz abgeneigte Pokorny einst aus Wien strafversetzt wurde, ist chronisch unterbesetzt. Und auf Pokornys überquellender To-Do-List befinden sich unter anderem noch der Selbstmord eines Schülers, ein abgängiger Schlossbesitzer, ein Einbruch in einen Kostümverleih und ein halbstarker Troublemaker. Doch mit der Zeit kommen Pokorny Zweifel an seinen Ermittlungen und dem Urteil gegen Janisch, und er erkennt immer mehr, dass er den Fall wohl zu schnell zu den Akten gelegt hat.

Zitate

Pokorny: „Mit sowas muss man sich abgeben: idiotische G’scherte, die sich gegenseitig die Hendln stehlen!“

Pokorny: „Schön ist’s da, nicht? Man möcht sich gleich selbst aufhängen. Ein Haus wie’s andere. Und die Menschen die drin wohnen, wie die Häuser, kein Gesicht. Der Architekt g’hört verhaftet und die Gemeinde erschlagen, die sowas baut - Zukunftsplanung.“

Pokorny: „Mit dem was ich jetzt aus dir herausgekriegt hab, gehst du ein vorm Jugendgericht wie eine neue Blue Jean.“

Pokorny: „Ein Achtel“ - Wirt (Max Grießer): „Rot oder Weiß?“ - Pokorny: „Sliwowitz!“ 

Niburg (Gudrun Thielemann): „Wollen Sie Cognac in den Tee?“ - Pokorny: „Bitte ohne Tee.“

Masseur (Kurt Sowinetz): „Im allgemeinen haben wir das nicht gern, wenn die Polizei haut. Niemand liebt das.“

Die Kritik des Aasgeiers:

Basierend auf dem Roman „Ivestigations are Proceeding“ von Jeffrey Ashford adaptierten Michael Kehlamnn und Carl Merz den britischen Stoff sehr gekonnt für ein Setting in der österreichischen Provinz. Beauftragt und produziert vom bayrischen Rundfunk, wurde der Film mit einem überwiegend österreichischen Cast und Team in der Alpenrepublik gedreht - weswegen der Streifen manchmal als deutsche, manchmal als österreichische oder - als salomonische Lösung - als deutsch-österreichische Produktion gelistet wird.
Kehlmann, Merz und Qualtinger haben schon in den Fünfzigerjahren in der legendären Wiener Kabarettformation „Namenloses Ensemble“ (dem auch andere Größen wie Gerhard Bronner oder Georg Kreisler angehörten) zusammengearbeitet. Merz und Qualtinger blieben auch nach dem Namenlosen Ensemble ein erfolgreiches Team. Vieles von dem, was Qualtinger zur Legende machen sollte, stammte aus Merz‘ Feder, etwa die „Travnicek-Dialoge“ (mit Bronner als Aufführungspartner) und natürlich „Der Herr Karl“, eine schonungslose Abrechnung mit der (damals noch jüngsten) österreichischen Vergangenheit (vor allem der NS-Zeit).
Helmut Qualtinger war als Kabarettist, Musiker und Schauspieler ohnehin ein Ausnahmekünstler, der wie kaum ein anderer die vielen - auch dunkeln und derben - Facetten der österreichischen Volksseele verkörpern konnte. Sicher hat ihm Merz die Charakterzeichnung des grantigen, sarkastischen, aber auch unangepassten und ungehorsamen Pokorny maßgeschneidert.
Auch die Nebenrollen sind hochkarätig besetzt, viele der Nebendarsteller sollten sich im Laufe der kommenden Jahre zu österreichischen oder bayerischen Volksschauspielern meistern, so „der ewige Stenz“ Helmut Fischer, Max Grießer, Bruni Löbel, Willy Harlander oder Kurt Sowinetz.
Inhaltlich bietet der Film neben dem Krimistoff jede Menge Milieu- und Sozialkritik, immer wieder gewürzt mit einer Prise Humor, während Fans von ruppiger Action bei Pokornys gemütlicher Ermittlungsweise eher nicht auf ihre Rechnung kommen. Was "Kurzer Prozess" von anderen Krimis abhebt, ist der Umstand, dass Kommissar Pokorny hier nicht nur einen Fall zu lösen hat, sondern mehreren verschiedenen Delikten gleichzeitig nachgeht, sich von seinen Vorgesetzten dabei aber immer vorhalten lassen muss, die Prioritäten nicht richtig gesetzt zu haben. Oder wie Pokorny im Film einmal gegenüber dem Herrn Polizeirat entnervt bemerkt: „In Kriminalromanen kann ein Kommissar immer nur eine Sache bearbeiten.“ Was den Polizeialltag wohl auch authentischer erscheinen lässt, als in anderen Kriminalfilmen.
Rolf Alexander Wilhelm schuf zu dem Film einen sehr jazzigen Soundtrack, der in Kombination mit der Schwarzweiß-Optik manchmal sogar ein leichtes Noir-Feeling erzeugt. 
Kehlmann und Merz sollten dem Krimigenre übrigens treu bleiben, in den 70/80er Jahren schrieben sie Drehbücher für den Tatort; und mit Willy Harlander, Helmut Fischer und Fritz Eckhardt sind bei "Kurzer Prozess" auch künftige Tatort-Schnüffler mit von der Partie. Gerade der von Eckhardt im Wien-Tatort verkörperte Oberinspektor Marek hat, als gemütlich-beleibter Grantscherbn, einiges mit Qualtingers Pokorny gemein. So kann man Pokorny als Grundstein eines spezifisch österreichischen (und eventuell auch bayrischen) Typus von TV-Ermittler sehen, bis rauf zu Kottan oder Brenner, die ja auch - wie Pokorny - ihre Probleme mit Autoritäten haben.

Rating: $$$$

Splatter:

0/10