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Toter lacht als Letzter, Ein

Info

OT:
 La Campana del Infierno

AT:
La Cloche de l’Enfer
Glocken zur Hölle
Ab in die Hölle
Brut des Satans

Jahr:
SP/F 1973
R: Claudio Guerin Hill, Juan Antonio Bardem
B: Santiago Moncada
K: Manuel Rojas
M: Adolfo Waitzman
D: Renaud Verley, Viveca Lindfors, Alfredo Mayo, Meribel Martin

Quelle: DVD (Colosseo). Dank fürs Rezi-Exemplar!

 

Inhalt

Drei Jahre hat Juan (Renaud Verley) in der Geschlossenen zugebracht. Drei Jahre, in denen über seine Entmündigung zu entscheiden war. Nun steht die Verkündung an, und Juan kommt noch einmal für einige Zeit raus, um seine Dinge zu regeln. Einzige Auflage: die weitere, regelmäßige Teilnahme an den psychiatrischen Sitzungen.
Doch Juan zerreißt noch vor dem Anstaltstor den Entlassungswisch, schwingt sich auf seine fette Ducati und macht sich vom Acker. Denn lange hat er auf diesen Tag gewartet, hat sich vorbereitet, um sich bei denen zu revanchieren, die ihm die Suppe eingebrockt haben. Nämlich Tante Marta (Viveca Lindfors) und deren drei Töchter Ester (Meribel Martin), Marie (Christine v. Blanc) und besonders Teresa (Nuria Gimeno). Die Ladies wollten den guten Juan nach dem Tod seiner Mutter elegant kaltstellen, um das recht üppige Erbe zu vereinnahmen. Dafür war kein Mittel zu schade: vom falschen Vergewaltigungsvorwurf bis zum Schmieren des Klinikchefs.
Nun kehrt Juan also zum Ärger der buckligen Verwandtschaft ins Haus seiner Mutter zurück und hat einen sauber ausbaldowerten Racheplan im Gepäck. Aber Tante Marta und die Ihren sind nicht nur ebenfalls mit allen Wassern gewaschen, sondern haben mit Don Pedro (Alfredo Mayo) auch einen so versierten wie einflussreichen Handwerker im Aufgebot (smile).

Zitate

Pfarrer (Erasmo Pascual): „Was werden Sie jetzt tun, Juan?“ – „Das sage ich Ihnen lieber nicht.“

Marta: „Man kann einen Tumor nur loswerden, wenn man ihn rausschneidet.“

Die Kritik des Gunslingers:

Ins Gewand eines Psychothrillers gekleidet, kommt Regisseur Claudio Guerins deutliche Gesellschaftskritik daher. Die frisch zurückliegenden 60er-Jahre haben zumindest in der spanischen Provinz keine Spuren hinterlassen. Die Jugend lebt angepasst unter der Vormundschaft der Erwachsenen, hat deren Werte – Religion, Obrigkeitshörigkeit und Geld – anstandslos verinnerlicht und fährt damit wenn nicht gut, so doch einigermaßen komfortabel. Man pocht auf Tradition und Gott und tut selbst die versuchte Vergewaltigung einer Minderjährigen durch Honoratioren des Ortes ab als „Scherz unter Freunden“. Ausbruchsversuche aus dem reformunfähigen und moralisch verluderten Mikrokosmos werden dagegen streng geahndet.
Dies geschieht Juan und seiner Mutter, die sich abseits der Konventionen stellen. Muttern, durch einen moralisch „anrüchigen“ Lebenswandel ein Dorn im Auge der Frömmler, kommt unter ungeklärten Umständen ums Leben. Unfall oder Selbstmord, wurde nie geklärt. Sprössling Juan steht auf makabre Scherze, nimmt Drogen, reist nach London, versucht, seinen Weg zu finden. Doch der endet hinter Anstaltsmauern, was ihm Marta, die Schwester seiner Mutter, einbrockt. Aber nicht aus Sorge um Leib und Leben ihres Neffen, sondern allein aus Furcht, dass Juan das Erbe „sinnlos“ verprassen könnte. Dieses Handeln erscheint umso verwerflicher, da Tante Marta und ihre Töchter auch ohne diesen Nachlass zu den reichsten Familien des Ortes zählen. Juan wiederum ist der ganze Schotter herzlich wurscht, eine Bürde, die ihn am Ende seine Freiheit gekostet hat. Doch Marta weigert sich, ihm seinen Pass und damit seine Bürgerrechte zurückzugeben im Tausch gegen das Erbe: Sie fühlt sich durch den aufmüpfigen Neffen persönlich kompromi
ttiert und will seine völlige Vernichtung. Ihr dabei treu zur Seite steht Don Pedro, dem Juan mit einem seiner Scherze eine demütigende Abreibung auf dem Herrenklo zuteil werden ließ.
Genauso kriegt die Institution Kirche ihr Fett weg, wenngleich der Pfarrer der einzige im Ort scheint, der sowas wie Empathie aufzubringen in der Lage ist. Eine zentrale metaphorische Rolle spielt in diesem Zusammenhang die neue Glocke für den Kirchturm. Sie erscheint immer wieder, beispielsweise beim Transport auf einem Ochsenkarren oder später bei der Installation. Als sie dann geweiht wird, rückt sie dann durchaus real ins Zentrum. Musikalisch begleitet den Streifen passend das leicht verfremdete, klassische Kinderlied „Frère Jaques“, das den dösenden Kirchdiener zur Ordnung und Arbeit, dem Läuten der Glocken, ruft.
Das ist sozusagen der Rahmen, in dem sich der Streifen bewegt. Die trost- und auch hoffnungslose Situation spiegelt sich in den trüben Bildern wieder: ein eher graues, sonnenloses Spanien unter oft bleiernem Himmel. Abgesehen von den drastischen Aufnahmen in einem Schlachthof, in dem sich Juan sozusagen das Rüstzeug für die Umsetzung seiner Rachepläne holt, bleibt’s optisch eher zahm. Doch atmosphärisch schwingt immer ein sehr frösteliger Grundton mit. Zwar erfahren wir recht spät, was Juan eigentlich vorhat, doch allein, ihn bei seinen Vorbereitungen zu beobachten, lässt höchst Unangenehmes erwarten.
Claudio Guerin beendete seinen Film übrigens nicht mehr selbst: Er starb am letzten Drehtag, als er am Set aus ungeklärten Gründen vom Kirchturm stürzte. Für ihn übernahm der nicht kreditierte Juan Antonio Bardem die Postproduktion.

Rating: $$$$$

Splatter:

0/10 (Der Schlachthof sei hier außen vor gelassen)

 

 

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