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Entführer lassen grüßen, Die

Info

OT: 
L'Aventure, c'est l'Aventure

Jahr: F/I 1972
R: Claude Lelouch
B: Claude Lelouch, Pierre Uytterhoeven
K: Jean Collomb
M: Francis Lai, José Padilla
D: Lino Ventura, Jacques Brel, Charles Denner, Charles Gérard, Aldo Maccione, Juan Luis Buñuel, Nicole Courcel, Johnny Hallyday

Quelle: DVD (Warner/Black Hill, Claude Lelouch Edition)

 

Inhalt

Frankreich, Anfang der '70er: Die glorreichen Zeiten für die klassischen Kriminellen neigen sich dem Ende zu. Zuhälter und Kunstfälscher Lino (Lino Ventura) und sein Adlatus Aldo (Aldo Maccione) leiden unter einem Generalstreik der Prostituierten; den Bankräubern Jacques (Jacques Brel) und Charlot (Charles Gérard) bleibt nach Abzug der Kosten bei ihren ausgeklügelten Ripps auch nur noch ein Taschengeld über. Nur ihr Spezi Simon (Charles Denner) macht ordentlich Kasse, nachdem er von Reifen-Schmuggel auf politische Anschläge umsattelte. Bei einer gemeinsamen Pokerrunde (mit Spaghetti)  entschließen sich die Fünfe, ins Entführungsbusiness einzusteigen und holen sich bei Revolutionären und Extremisten jeglicher Couleur das nötige Rüstzeug.
Mit dem Kidnapping des Popstars Johnny Hallyday (himself) - direkt von der Bühne herunter - landen auch schon die ersten größeren Scheinchen in der Kriegskasse. Die Jungs entschließen sich, nach Mittelamerika überzusiedeln, da dort die labilen politischen Verhältnisse ordentliche Einkünfte versprechen. Mit dem mexikanischen Revolutionär Ernesto Juarez (Juan Luis Buñuel) kommen sie ins Geschäft und nehmen für ihn den Schweizer Botschafter als Geisel. Juarez zeigt sich allerdings bei der Löhnung knausrig und will die vereinbarten 200.000 $ nicht herausrücken, so wird er kurzerhand selbst Opfer der fünf Entführer, die - nicht blöde - nicht nur bei Juarez' Genossen kassieren, sondern auch bei diversen Geheimdiensten abschöpfen, denen der Revoluzzer ein Dorn im Auge ist.
Nach einem gelungenen Auflug in die Flugpiraterie ist das Schweizer Nummernkonto zum Bersten gefüllt, und die Jungs entschließen sich zu einer Urlaubspause. Doch inzwischen hat sich Juarez aus seiner Zwickmühle befreit und sinnt auf Rache, auch die französischen Behörden haben die Spur aufgenommen...

Zitate

Lino: "Was hast'n gesagt?" - Charlot: "Ob wir warten dürfen." - "Bist du ganz sicher, Charlot?" - "Na klar bin ich sicher. Wir warten doch. Siehst du ja."

Simon: "Unterdrück' die Natur, damit reizt du sie nur."

Simon: "Im Moment hab ich mächtig zu tun. Ich mach' Taubenschießen auf die von der Rechten. Übrigens ganz amüsant: Ich schieße auf die Jungs von der Rechten, werde von der extremen Rechten bezahlt, um der extremen Linken was anzuhängen."

Die Kritik des Sargnagels:

Claude Lelouch gilt mit Truffaut, Godard, Malle und Co. als einer der Hauptvertreter der französischen Nouvelle Vague, die es sich mit neuen Erzählweisen und dem Loslösen von den statischen und immer langweiliger werdenden Vorgaben des französischen "Cinéma de Qualité" zur Aufgabe machte, das Kino neu zu erfinden. Lelouch kam als Photograph und Dokumentarfilmer zum Erzähl-Kino, schon mit seinem zweiten Werk "Ein Mann und eine Frau" gewann er 1966 einen Oscar und die goldene Palme von Cannes.
Bei "Die Entführer..." verlässt Lelouch ausgetretene Pfade und verzichtet auf eine stringente, durchgehende Handlung. Erzählt wird die Story im Rahmen eines Gerichtsverfahrens; ähnlich wie bei Arthur Penns "Little Big Man" formt eine Aneinanderreihung von Einzelepisoden das Ganze, der Regisseur richtet sein Brennglas auf die wesentlichen Punkte der Geschichte und lässt bis auf einen gelegentlichen Off-Kommentar jeglichen verbindenden und erklärenden Kitt weg. Das sorgt zwar beim Zuschauer für etwas anfängliche Verwirrung, spielt aber mit der Zeit seine Vorteile aus: Jede Sequenz baut sich wie ein Sketch neu auf, mit dem Ergebnis, dass der gesamte Streifen mit kleinen Höhepunkten gespickt ist und trotz einer Laufzeit von knapp zwei Stunden überhaupt keine Hänger auftauchen.
Auch inhaltlich überrascht Lelouch, gehört die Ganovenkomödie mit schwarzhumorigen Polit-Satire-Einschlag eher zur Ausnahme in seinem von Liebes- und Beziehungsdramen/-komödien gespickten Oevre, und die werten Damen tauchen hier nur periphär auf. Allerdings bezieht er dabei keine politisch eindeutige Position, sondern zieht durchweg alle Strömungen durch den Kakao. Letztendlich geht es jedem nur um den Zaster, und unsere fünf Saboteure der Weltpolitik nehmen's als Abenteuer. "L'aventure, c'est l'aventure" - alles ist ein Abenteuer, hab wenigstens auch Spaß dabei, dann wird's schon.
Die ganze Chose wird von dem göttlichen Cast getragen, allen voran den fünf Entführern Lino Ventura (wie in seinen Komödien üblich der genervte Griesgram), Jaques Brel (der Amoralische; mit Ventura auch privat gut befreundet und ein Jahr später wieder kongeniale Partner in "Die Filzlaus"), Charles Denner (der Intellektuelle), Aldo Maccione ("Eh?" und Spaghetti) und Charles Gérard (Sympathieträger und Sonnenbräuner). Lelouch, ein Freund der Improvisation, gibt seinen Jungs freien Lauf und die zahlen es mit Spielfreude und urkomischen Dialogen zurück. "Tikitaka", nimmt man modernen Fußball zum Vergleich; die Kollegen pöhlen sich die Pässe geradezu traumwandlerisch zu und verfallen dabei nicht in Stillstand, sondern bewegen sich auch ohne Ball, wenn sie mal keinen Dialog haben. Da wirkt nix statisch oder gekünstelt; die Charaktere kommen lebensecht rüber, obwohl sie planlos in die kuriosesten Geschichten schliddern.
Auch beim Handwerklichen findet man kein Jota zu bekritteln. Extrafein und stilsicher fotografiert, gibt es visuell ausgeklügelte und choreografierte Bilder, oft mit Tiefenschärfe, was den Szenen Fülle und Mehrdimensionalität verleiht. Es passiert immer etwas im Bild, manchmal auch außerhalb des Fokus. Musikalisch wird mit dem Score von Francis Lai untermalt, der sich im Lauf der Jahre zu Lelouchs Stammkomponisten entwickelte. Lai, der auch gerne auch mal am Rande zum Schmalz operiert (siehe die "Traumschiff-Melodien" *hust), verkneift sich jegliche Schmonzetten und liefert vollmundige Bläsersektionen, flirrende Streicher, funky Bass, E-Gitarren sowie einen schwülstigen Frauenchor. Johnny Hallyday, der Peter Maffay des Franzosenlands, durfte nicht nur eine Nebenrolle übernehmen, auch das Titelstück geht gesanglich auf sein Konto. Ich attestiere Ohrwurmqualitäten.
Unterhaltung par excéllence, der Stoff knallt auch noch nach 42 Jahren wie am ersten Tag. Haltbarkeit: ewig.

Rating: $$$$$

Splatter:

1/10 (Für die Foltermethoden von Juarez... ;-) )

 

 

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