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Unschuld im Kreuzverhör

Info

OT:
Il Rossetto

AT:
Jeux précoces

Jahr: I/F 1960
R, B: Damiano Damiani
B: Cesare Zavattini
K: Pier Ludovico Pavoni
M: Giovanni Fusco
D: Pierre Brice, Laura Vivaldi, Pietro Germi, Giorgia Moll

Quelle: DVD (Pidax). Dank fürs Rezi-Exemplar!

 

Inhalt

Silvana (Laura Vivaldi) ist 14* und lebt mit ihrer Mutter (Bella Darvi) in einem Vorort Roms. Während Mama kontinuierlichen Liebeskummer mit ihrem Macho-Lover Enrico pflegt und überlegt, Silvana seinetwegen aufs Internat zu schicken, treibt diese sich mit ihren Freundinnen auf der Straße rum. Das Mädchen schwärmt für den scharfen Gino (Pierre Brice) – deutlich älter, Vertreter –, der im Nachbarhaus wohnt und den sie heimlich beobachtet.
Als Ginos Nachbarin, die Teilzeit-Nutte Natalina, in ihrer Butze erschlagen wird, ist das Hallo im tristen Viertel groß. Mit dem Kellner und Laufburschen Vicenzo (Renato Mambor) verhaftet die Polizei noch am gleichen Tag einen Mordverdächtigen, der jedoch Stein und Bein auf seine Unschuld schwört. Nach einem Selbstmordversuch lässt ihn Commissario Fioresi (Pietro Germi) wieder laufen*. Aber Silvana steckt Gino in aller Unschuld, sie habe ihn aus dem Appartment der Ermordeten kommen sehen. Gino spult die übliche Masche ab mit „Verwechslung“ und „Du hast dich geirrt“, fängt aber an, sich mit Silvana zu treffen, um sich ihres Schweigens zu versichern.
Silvana schnüffelt Gino eifersüchtig weiter nach. Als sie rauskriegt, dass er verlobt ist, legt sie ihm eine waschechte Szene hin. Spätestens jetzt will sich Gino, aus dem Klammergriff des Mädchens befreien und tritt die Flucht nach vorne an, da er das Problem mit Gewalt nicht lösen kann: In einem Routine-Verhör erzählt er Fioresi von Silvanas Schwärmerei und dass sie ihn mit ihren Lügen reinreißen will. Doch nun wird der Dottore hellhörig, denn es ergeben sich nach und nach Indizien, die Gino mit dem Mord in Verbindung bringen. Oder lügt das Mädchen am Ende doch? Fioresi trifft erst einmal die falsche Entscheidung.

*(Anmerkung der Red.: in etlichen Reviews und auf DVD-Covern wird angegeben, Silvana wäre 12 Jahre alt und der Tatverdächtige hätte Selbstmord begangen. Das ist Mumpitz; das Alter wird im Film mehrfach mit 14 Jahren angegeben und Vicenzo bleibt nach dem Suizidversuch pumperlgsund.)

Zitate

Gino: „In persönlichen Dingen bin ich für Ehrlichkeit.“ (*Hust*)

Bulle (Nino Marchetti): „Du verbrauchst im Monat 200 Mille, verdienst aber nur 70 bis 80. Wie machst du das?“ (Das kann Gino auch nicht wirklich wechseln)

Die Kritik des Gunslingers:

Damiano Damianis Regie-Debüt ist so etwas wie eine Klammer zwischen seinen Thriller-Arbeiten und dem italienischen Neorealismus der 1940er- und 1950er-Jahre, wenngleich diesem Film die sozialkritische Komponente weitgehend fehlt. Das detailliert geschilderte Kleine-Leute-Milieu oder ein Rom, das hier in einem nüchternen, oft verregneten Hochhausviertel stattfindet, stellen die Verbindung her zu Filmen beispielsweise von De Sica, mit dem Drehbuchautor Cesare Zavattini wohl am häufigsten zusammengearbeitet hatte. Aus dieser Kooperation entstanden neorealistische Klassiker wie „Fahrraddiebe“ oder „Das Wunder von Mailand“. Und schon vorher bereits hatten Zavattini und Damiani einige Skripte zusammen verfasst. Auf der anderen Seite weist etwa die realistisch gezeigte Polizeiarbeit schon in Richtung seiner späteren Werke.
Damiani hält sich nicht mit Rätselraten um den wahren Mörder auf: Der steht von Beginn an fest. Viel wichtiger sind die psychologischen Komponenten. Auf der einen Seite die pubertierende Silvana, die bei aller kindlicher Unschuld schon durchaus weiß, ihre Interessen durchzusetzen. So hat sie zuerst keine Hintergedanken und schon gar keinen Verdacht, als sie Gino von ihrer Beobachtung erzählt. Als sie aber merkt, wie viel Gino an ihrem Schweigen gelegen ist, versucht sie, diese Macht ein wenig auszuspielen, allerdings nie, um ihrem Schwarm zu schaden. Gino dagegen ist ein ausschließlich ichzentrierter, gefühlskalter Arsch, der seine einnehmende Optik und seinen Charme gnadenlos einsetzt, um sich materielle Vorteile zu verschaffen und im jedem Sinn über Leichen geht. An dieser Stelle ziehe ich den Hut vor der Leistung von Pierre Brice: Der Mann hat deutlich mehr drauf, als mit Silberbüchse am Mann in den Sonnenuntergang zu reiten.
Richtig derbe ist das Verhör Silvanas durch die Polizei, bei dem dann doch noch Kritik an einer bigotten Gesellschaft zutage tritt. So nimmt der prinzipiell sympathisch und wohlwollend gezeichnete Kommissar das Mädchen vor den Augen ihrer Freundinnen und deren Müttern komplett auseinander. Der im Original titelgebende Lippenstift – „Rossetto“ –, den die Kurze in ihrer Handtasche mitführt, dient schließlich als Aufhänger dafür, Silvana als Schlampe und Lügnerin zu denunzieren. Und anschließend wirft man sie der geifernden Pressemeute zum Fraß vor. Ganz starke Szene.
Der Streifen gewinnt neben dem durchgehend guten Ensemble zusätzlich durch seine Schwarzweiß-Fotografie, und die Ausleuchtung, die dem Film vor allem im Polizeirevier einen teils starken Noir-Touch verleihen.

Rating: $$$$$-

Splatter:

1/10

 

 

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